Tiere

Wildbienen in Gefahr

Wild lebende Honigbienen sind deutlich weniger sichtbar als Bienenvölker, die von Imkern betreut werden. Dennoch spielen sie eine wichtige Rolle für die Artenvielfalt in Europa.
Neue Forschungsergebnisse zeigen, dass diese frei lebenden Populationen unter erheblichem Druck stehen.
Modellrechnungen zufolge könnten ihre Bestände deutlich zurückgehen, wenn nicht weiterhin Bienen aus bewirtschafteten Völkern zu ihnen gelangen.

Ein oft übersehener Teil der europäischen Bienenwelt

Die Westliche Honigbiene Apis mellifera wird meist mit Bienenstöcken in der Imkerei in Verbindung gebracht. Einige Völker leben jedoch unabhängig vom Menschen in natürlichen oder naturnahen Lebensräumen. Sie siedeln sich beispielsweise in Hohlräumen alter Bäume, Felsspalten oder anderen geschützten Orten an. Dort vermehren sie sich und suchen selbstständig nach Nahrung, ohne regelmäßig vom Menschen betreut zu werden.
Schätzungen zufolge machen frei lebende Völker etwa ein Sechstel der europäischen Honigbienenpopulation aus. Sie bieten wertvolle Einblicke darin, wie Honigbienen unter weniger kontrollierten Bedingungen überleben können.
Die Grenze zwischen bewirtschafteten und frei lebenden Völkern ist dabei nicht immer eindeutig. Beide Gruppen können auf natürliche Weise miteinander in Kontakt kommen. So kann ein Schwarm einen betreuten Bienenstock verlassen und sich in einem Baum niederlassen. Ebenso können junge Königinnen aus bewirtschafteten Völkern sich mit Drohnen aus frei lebenden Populationen paaren.

Deutlicher Rückgang der Bestände

Eine in der Fachzeitschrift Conservation Science and Practice veröffentlichte Studie untersuchte Beobachtungsdaten zu frei lebenden Honigbienenvölkern aus mehreren europäischen Ländern. Die Forschenden kombinierten Informationen zum Überleben der Völker mit populationsbiologischen Modellen, um abzuschätzen, wie sich die Bestände ohne einen fortlaufenden Zustrom aus bewirtschafteten Völkern entwickeln könnten.
Die Ergebnisse deuten unter den untersuchten Modellbedingungen auf einen mittleren Bestandsrückgang von rund 56 Prozent innerhalb von zehn Jahren hin. Diese Prognose spielte eine wichtige Rolle bei der Bewertung des Gefährdungsstatus wild lebender Honigbienen in der Europäischen Union.
Allerdings ist die Situation nicht überall gleich. In einigen Regionen gibt es vergleichsweise stabile frei lebende Völker, während andere Populationen deutlich stärker gefährdet erscheinen. In England wurden beispielsweise Bestände dokumentiert, die relativ stabil bleiben. In mehreren anderen Gebieten Europas stehen die Bienen hingegen unter größerem Druck.
Zudem ist die Datenlage weiterhin lückenhaft. Zwar wurden in 15 Ländern mehr als 1.600 Nistplätze erfasst, doch fehlen in vielen Teilen Europas umfassende Informationen zur tatsächlichen Populationsgröße und zur langfristigen Bestandsentwicklung.

Warum genetische Vielfalt wichtig ist

Frei lebende Honigbienenvölker können eine wertvolle genetische Vielfalt bewahren. Im Gegensatz zu bewirtschafteten Völkern sind manche dieser Populationen natürlichen und biologischen Belastungen ausgesetzt, ohne in gleichem Maße vom Menschen beeinflusst zu werden.
Dadurch kann die natürliche Selektion Eigenschaften begünstigen, die den Bienen helfen, sich an örtliche Bedingungen anzupassen.
Europäische Wildpopulationen könnten außerdem genetische Merkmale regionaler Honigbienenformen erhalten, die in der modernen Imkerei seltener geworden sind.
Für die Forschung sind diese Völker deshalb weit mehr als lediglich Bienen, die außerhalb betreuter Bienenstöcke leben. Sie können als genetische Reservoire dienen und wichtige Erkenntnisse darüber liefern, wie Honigbienen mit Umweltveränderungen, Krankheiten und anderen Belastungen umgehen.

Mehrere Faktoren setzen den Bienen zu

Der Rückgang hat offenbar keine einzelne Ursache. Eine wichtige Rolle spielt der Verlust geeigneter Lebensräume. Frei lebende Honigbienen benötigen geschützte Plätze, an denen sie ihre Nester anlegen können. Wenn alte Bäume mit natürlichen Hohlräumen verschwinden, stehen ihnen weniger geeignete Nistmöglichkeiten zur Verfügung.
Auch Veränderungen in der Landschaft können die Versorgung mit Nahrung erschweren. Wenn die Vielfalt blühender Pflanzen abnimmt, finden die Bienen möglicherweise weniger Pollen und Nektar.
Hinzu kommen Parasiten und Krankheitserreger. Besonders bekannt sind Varroamilben, die die Gesundheit von Honigbienenvölkern beeinträchtigen können. Auch der Kontakt mit landwirtschaftlichen Chemikalien kann das Überleben der Völker beeinflussen.
Darüber hinaus verweisen die Forschenden auf mögliche Auswirkungen moderner Imkereipraktiken, gezielter Zucht und des Transports von Bienenvölkern. Zusammengenommen können diese Faktoren die langfristige Stabilität frei lebender Populationen beeinträchtigen.

Was der Gefährdungsstatus bedeutet

Die Weltnaturschutzunion (IUCN) stuft wild lebende Honigbienen in der Europäischen Union als gefährdet ein. Damit werden frei lebende Populationen als eigenständiges Naturschutzproblem betrachtet, obwohl sie derselben Art angehören wie die in der kommerziellen Imkerei gehaltenen Honigbienen.
Bei der Bewertung steht unter anderem die Frage im Mittelpunkt, ob sich diese Populationen ohne fortlaufende menschliche Unterstützung selbst erhalten können. Wenn ein Bestand stark davon abhängt, dass regelmäßig neue Schwärme aus bewirtschafteten Völkern hinzukommen, ist dies kein gleichwertiger Nachweis für eine langfristig selbstständige Wildpopulation.

Natürliche Nistplätze besser schützen

Nach Ansicht der Forschenden muss der Schutz frei lebender Honigbienen bei ihren Lebensräumen ansetzen. Alte Bäume, eine vielfältige Pflanzenwelt und naturnahe Landschaften können sowohl geeignete Nistplätze als auch wichtige Nahrungsquellen bieten.
Ebenso entscheidend ist eine bessere Überwachung der Bestände. Genauere Daten zum Überleben, zur Fortpflanzung und zur Verbreitung der Völker könnten helfen, stabile Populationen ebenso wie rückläufige oder besonders isolierte Bestände frühzeitig zu erkennen.
Die Ergebnisse lenken die Aufmerksamkeit auf einen bislang wenig beachteten Bereich des Honigbienenschutzes. Die Forschung macht deutlich, dass sich Naturschutzmaßnahmen nicht allein auf bewirtschaftete Bienenvölker konzentrieren sollten.
Auch frei lebende Honigbienen benötigen geeignete Bedingungen, um dauerhaft unabhängig überleben zu können. Ihr Schutz ist damit ein wichtiger Bestandteil der Erhaltung der biologischen Vielfalt Europas.

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