Tiere
Korallen in Gefahr
Korallenriffe erholen sich nicht allein dadurch, dass einige Korallen die Bleiche überleben. Langfristig hängt ihre Regeneration davon ab, ob diese Überlebenden sich erfolgreich fortpflanzen und eine neue Generation hervorbringen.
Eine neue Studie am Ningaloo-Riff vor der Westküste Australiens hat nun erstmals den Laichzeitraum von zwei wichtigen riffbildenden Korallenarten bestimmt.
Die in Marine Biology veröffentlichte Untersuchung liefert eine wertvolle Grundlage, um die Widerstandsfähigkeit des Riffs nach marinen Hitzewellen zu beobachten und Restaurierungsprogramme zu planen, bei denen Koralleneier und Larven gesammelt werden.
Zwei wichtige Korallenarten laichen im Frühherbst
Die Forschenden untersuchten 20 Korallenkolonien am Ningaloo-Riff und fanden bei zwei bedeutenden Arten Hinweise auf Fortpflanzungsaktivität: porites lutea und Porites lobata.
Beide Arten schienen sich auf die jährliche Massenlaichzeit des Riffs im Frühherbst vorzubereiten. Damit wurde erstmals eine Ausgangsbasis für die Fortpflanzung dieser Arten am Ningaloo-Riff geschaffen.
Bei einer dritten Art, Porites australiensis, fanden sich während keiner der beiden Untersuchungsphasen Anzeichen für eine Fortpflanzung. Das deutet darauf hin, dass sie möglicherweise zu einer anderen Jahreszeit laicht.
Dieser Unterschied ist bedeutsam, denn er zeigt, dass selbst eng verwandte riffbildende Korallenarten nicht unbedingt denselben Fortpflanzungsrhythmus haben.

Warum der richtige Zeitpunkt so wichtig ist
Korallen laichen in einem relativ kurzen Zeitfenster. Deshalb kommt es für die Forschung auf den richtigen Zeitpunkt an. Restaurierungsprogramme, bei denen Eier und Larven gesammelt werden, müssen genau wissen, wann die Korallen fortpflanzungsbereit sind. Wird dieses kurze Zeitfenster verpasst, kann es ein ganzes Jahr dauern, bis sich die nächste Gelegenheit bietet.
Genaue Kenntnisse über den Laichzeitpunkt helfen ausserdem dabei, Forschungsteams zu koordinieren, Ausrüstung vorzubereiten und zu beobachten, ob sich die Fortpflanzung nach extremen Hitzeereignissen verändert.
Die neuen Erkenntnisse liefern somit einen wichtigen Vergleichswert für künftige Untersuchungen. Sollte Hitzestress dazu führen, dass die Korallen später laichen, sich weniger erfolgreich fortpflanzen oder überhaupt nicht mehr ablaichen, können Forschende künftig besser einschätzen, wie stark sich die Bedingungen verändert haben.
Das Ningaloo-Riff könnte stärker isoliert sein als gedacht
Die Studie brachte auch einen auffälligen regionalen Unterschied ans Licht. Die Porites-Korallen am Ningaloo-Riff scheinen im Frühherbst zu laichen. Populationen derselben Arten in der Nähe von Dampier, rund 300 Kilometer weiter nördlich, wurden dagegen bereits beim Laichen im späten Frühjahr und Frühsommer beobachtet.
Diese unterschiedlichen Fortpflanzungszeiten werfen die Frage auf, ob die beiden Populationen trotz ihrer geografischen Nähe reproduktiv voneinander isoliert sind.
Sollte das der Fall sein, könnten nördlich gelegene Riffe das Ningaloo-Riff nach schweren Korallenverlusten infolge mariner Hitzewellen, Wirbelstürmen oder anderer Störungen möglicherweise nicht ausreichend mit Nachwuchs versorgen.
Das ist deshalb wichtig, weil die Erholung eines Riffs häufig auch davon abhängt, dass Larven aus umliegenden Populationen einwandern. Unterschiedliche Laichzeiten könnten diesen natürlichen Nachschub einschränken.
Hitzestress gefährdet auch künftige Generationen
Marine Hitzewellen werden meist mit Korallenbleiche und dem Absterben von Korallen in Verbindung gebracht. Ihre Auswirkungen können jedoch noch lange anhalten, nachdem überlebende Kolonien ihre ursprüngliche Farbe zurückgewonnen haben.
Hitzestress kann die Fortpflanzungsleistung beeinträchtigen. Dadurch produzieren Korallen möglicherweise noch Jahre nach einer schweren Bleiche weniger Eier und männliche Keimzellen.
Die Fortpflanzung ist deshalb einer der aussagekräftigsten Indikatoren für die langfristige Gesundheit eines Riffs.
Eine Kolonie, die körperlich überlebt, aber kaum noch Nachwuchs hervorbringt, kann wesentlich weniger zur Erholung beitragen, als ihr äusseres Erscheinungsbild vermuten lässt.
Die neue Datengrundlage könnte Forschenden daher helfen festzustellen, ob sich künftige Erwärmungsereignisse nicht nur auf das Überleben der Korallen auswirken, sondern auch auf die Fähigkeit des Riffs, sich selbst zu regenerieren.
Renaturierung braucht eine bessere Überwachung
Die Ergebnisse sind auch für den praktischen Naturschutz von grossem Nutzen. Wenn Forschende wissen, wann wichtige Korallenarten laichen, können sie rechtzeitig vor Ort sein, um Eier und Larven gezielt zu sammeln. Diese lassen sich anschliessend aufziehen und möglicherweise für Projekte zur Wiederherstellung geschädigter Riffbereiche einsetzen.
Dass verschiedene Porites-Arten möglicherweise zu unterschiedlichen Zeiten laichen, unterstreicht zudem, wie wichtig eine ganzjährige Überwachung ist. Es reicht nicht aus, sich nur auf eine erwartete Laichsaison zu konzentrieren.
Das könnte besonders für Arten wie Porites australiensis entscheidend sein, deren Fortpflanzungszeit am Ningaloo-Riff bislang nicht geklärt ist.

Ein Ausgangspunkt für weitere Forschung
An der Studie waren lediglich 20 Korallenkolonien beteiligt. Sie liefert daher noch kein vollständiges Bild des Fortpflanzungsverhaltens am gesamten Ningaloo-Riff.
Weitere Untersuchungen müssen mehr Kolonien und zusätzliche Standorte einbeziehen und die Beobachtungen über längere Zeiträume fortsetzen. Nur so lässt sich feststellen, wie beständig die festgestellten Muster von Jahr zu Jahr sind. Dennoch schliesst die Studie eine wichtige Wissenslücke.
Für den Schutz von Korallen gilt: das Überleben ist erst der Anfang. Ein Riff erholt sich wirklich erst dann, wenn die überlebenden Korallen sich erfolgreich fortpflanzen, geschädigte Bereiche wiederbesiedeln und künftige Generationen sichern können.
Zu wissen, wann dieser Prozess genau beginnt, schafft eine deutlich bessere Grundlage, um das Ningaloo-Riff in einem sich erwärmenden Ozean zu schützen.