Tiere
Löwen im Zoo
Das Leben von Löwen in freier Wildbahn folgt einem unvorhersehbaren Rhythmus. Nach einer erfolgreichen Jagd können sie stundenlang fressen und sich anschließend über längere Zeit ausruhen.
Wann sie ihre nächste Mahlzeit bekommen, hängt davon ab, ob sie erneut Beute machen. So entstehen natürliche Zyklen aus intensiver Aktivität, Nahrungsaufnahme und Erholung.
In Zoos sind die Fütterungszeiten dagegen meist deutlich regelmäßiger. Australische Forschende haben nun herausgefunden, dass die gezielte Fütterung ganzer Tierkadaver innerhalb eines kontrollierten Fütterungsplans Verhaltensweisen fördern kann, wie sie auch bei wild lebenden Löwen zu beobachten sind.
Die Ergebnisse wurden in der Fachzeitschrift Applied Animal Behaviour Science veröffentlicht. Sie könnten Zoos und anderen Wildtiereinrichtungen dabei helfen, eine natürlichere Fütterung zu entwickeln.
Warum das Fressverhalten wichtig ist
Löwen in freier Wildbahn fressen selten jeden Tag zur exakt gleichen Zeit. Ihr Fressverhalten hängt davon ab, wie viel Beute verfügbar ist, ob die Jagd erfolgreich war und wie die Konkurrenz innerhalb ihrer sozialen Gruppe aussieht.
Wenn sie ein großes Tier erlegen, verbringen sie viel Zeit damit, den Kadaver aufzureißen, Fleischstücke herauszuziehen und die Beute zu fressen. Diese Tätigkeiten erfordern körperliche Anstrengung und gehören zu ihrem natürlichen Verhalten.

Die Ernährung von Zootieren wird zwar so zusammengestellt, dass sie alle wichtigen Nährstoffe erhalten. Die Zubereitung und Ausgabe des Futters können jedoch dazu führen, dass ihnen weniger Gelegenheit für solche Aktivitäten bleibt.
Deshalb wollten die Forschenden untersuchen, ob ganze Tierkadaver das Verhalten von Löwen in Gefangenschaft während ihrer gesamten Fütterungszyklen beeinflussen können.
Das australische Experiment
Die Studie wurde von der University of Adelaide und dem Monarto Safari Park in Südaustralien durchgeführt. Über einen Zeitraum von drei Monaten beobachteten die Wissenschaftler drei erwachsene männliche Afrikanische Löwen. Sie verglichen deren Verhalten vor und nach der Einführung ganzer Tierkadaver in einen bestehenden Fütterungsplan mit üppigen Mahlzeiten und anschließenden Fastenphasen.
Während der Versuchsphase erhielten die Löwen etwa 200 Kilogramm Tierkadaver, die alle neun Tage bereitgestellt wurden. Das Futter blieb jeweils bis zu drei Tage verfügbar.
Acht Infrarotkameras zeichneten das Verhalten der Tiere rund um die Uhr auf. Dadurch konnten die Forschenden ihre Aktivitäten sowohl tagsüber als auch nachts untersuchen. Die Aufnahmen zeigten Veränderungen, die weit über den unmittelbaren Zeitpunkt der Futterausgabe hinausgingen.
Löwen fraßen deutlich länger
Der auffälligste Unterschied zeigte sich bei der Dauer der Nahrungsaufnahme. An Tagen, an denen ganze Tierkadaver zur Verfügung standen, verbrachten die Löwen fast dreimal so viel Zeit mit dem Fressen wie unter den üblichen Fütterungsbedingungen.
Außerdem rissen sie häufiger Fleischstücke ab, zogen daran und bearbeiteten das Futter auf unterschiedliche Weise. Diese Verhaltensweisen ähneln denen wild lebender Löwen nach einer erfolgreichen Jagd.
Die leitende Forscherin Lesia Hryhorenko von der University of Adelaide erklärte, dass die Fütterung ganzer Tierkadaver über die reine Nährstoffversorgung hinaus Vorteile bieten könne. Sie ermögliche es den Löwen, wichtige natürliche Verhaltensweisen bei der Nahrungsaufnahme über einen längeren Zeitraum auszuleben.
Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass bereits die Art der Futterpräsentation das Aktivitätsverhalten der Tiere deutlich beeinflussen kann.
Ein natürlicherer Tagesrhythmus
Nach den großen Mahlzeiten ruhten sich die Löwen länger aus und erholten sich. Im weiteren Verlauf der Fastenphase nahm ihre Aktivität allmählich wieder zu.
Dieses wiederkehrende Muster aus Fressen, Ruhe und erneuter Bewegung ähnelte den natürlichen Zyklen, die bei wild lebenden Löwen beobachtet werden.
Die Ergebnisse legen nahe, dass Fütterungspläne das Verhalten der Tiere über mehrere Tage hinweg beeinflussen können. Deshalb ist es wichtig, nicht nur die unmittelbare Reaktion auf eine Mahlzeit zu untersuchen, sondern auch die längerfristigen Veränderungen zu berücksichtigen.
Wie steht es um Stress und Aggression?
Die Forschenden untersuchten auch das sogenannte Pacing. Dabei bewegen sich Tiere wiederholt auf derselben Strecke hin und her. Bei Raubtieren in Gefangenschaft kann dieses Verhalten unter anderem mit Erwartung oder Frustration zusammenhängen.
Während der Studie nahm das Pacing zwar leicht zu, wurde jedoch nicht durchgehend häufiger, je länger die Löwen ohne Futter auskommen mussten. Stattdessen stand der Anstieg mit vorhersehbaren Ereignissen in Verbindung, etwa mit der Ankunft der Tierpfleger oder dem Wechsel zwischen verschiedenen Gehegebereichen.
Wichtig war außerdem, dass die Forschenden während der Fütterung mit ganzen Tierkadavern weder eine Zunahme aggressiven Verhaltens noch Störungen der sozialen Beziehungen zwischen den Löwen feststellten.

Was bedeutet das für Zoos?
Die außerordentliche Professorin Alexandra Whittaker betonte, dass Fütterungsstrategien über vollständige Fütterungszyklen hinweg bewertet werden sollten. Verhaltensänderungen könnten schließlich noch mehrere Tage nach einer Mahlzeit anhalten.
Allerdings umfasste die Studie lediglich drei männliche Löwen in einer einzigen Einrichtung. Daher lassen sich die Ergebnisse nicht ohne Weiteres auf alle Löwen oder andere Tierhaltungen übertragen. Künftige Untersuchungen könnten größere Gruppen einbeziehen und Verhaltensbeobachtungen mit physiologischen Messwerten zum Wohlbefinden der Tiere kombinieren.
Die bisherigen Erkenntnisse deuten darauf hin, dass sorgfältig geplante Fütterungsroutinen Löwen in Gefangenschaft mehr Möglichkeiten bieten können, ihr natürliches Verhalten auszuleben. Damit könnten Zoos die Bedürfnisse dieser beeindruckenden Raubtiere besser verstehen und ihre Haltungsbedingungen entsprechend verbessern.