Tiere

Meeresohren

Der Ozean mag wie eine Welt natürlicher Klänge wirken.
Doch in Küstengebieten nehmen Geräusche von Booten, Schiffen, Flugzeugen und Baustellen immer mehr Raum ein.
Für Meeressäuger, die auf ihr Gehör angewiesen sind, um miteinander zu kommunizieren und sich in ihrer Umgebung zurechtzufinden, ist es deshalb wichtig zu verstehen, welche Geräusche sie wahrnehmen können. Dieses Wissen kann helfen, die Tiere besser zu schützen.

Wie gut können die Tiere hören?

Forschende der Curtin University und der Taronga Conservation Society Australia haben das Hörvermögen von Australischen Seelöwen und Australischen Langnasen-Seebären untersucht. Die Ergebnisse liefern wichtige Ausgangsdaten, um die Hörfähigkeiten beider Arten besser zu verstehen und mögliche Auswirkungen menschlich verursachter Geräusche einzuschätzen.
Obwohl das Gehör verschiedener Meeressäuger bereits untersucht wurde, gab es bislang nur begrenzte detaillierte Erkenntnisse zu diesen beiden australischen Arten. Bevor Wissenschaftler beurteilen können, ob Lärm alltägliche Verhaltensweisen beeinträchtigt, müssen sie zunächst wissen, welche Töne die Tiere überhaupt wahrnehmen können.
Besonders wichtig sind die Ergebnisse für den Australischen Seelöwen. Die bedrohte Art hat schätzungsweise nur noch rund 12.000 Tiere. Ein besseres Verständnis ihrer Sinnesfähigkeiten könnte Forschenden helfen, Umweltbedingungen zu bewerten, die das langfristige Wohlergehen der Tiere beeinflussen.

So untersuchte das Forschungsteam das Gehör

Die Tests fanden mit zwei Australischen Seelöwen und zwei Australischen Langnasen-Seebären im Taronga Zoo Sydney statt. Die Tierpfleger trainierten die Tiere darauf, auf bestimmte Töne zu reagieren. Sobald ein Tier einen Ton wahrnahm, sollte es ein dafür vorgesehenes Paddel drücken. Bei einer richtigen Reaktion erhielt es einen Fisch als Belohnung.
Auf diese Weise konnten die Forschenden systematisch feststellen, wie empfindlich das Gehör der Tiere auf unterschiedliche Geräusche reagiert.
Die Teilnahme erfolgte freiwillig. Statt die Tiere zur Mitarbeit zu zwingen, setzte das Team auf positive Verstärkung. Dadurch ließ sich das Hörvermögen untersuchen, ohne die Tiere unnötig zu belasten.
Während der Tests wurden Töne mit unterschiedlichen Frequenzen und Lautstärken abgespielt. Die Frequenz beschreibt, wie schnell eine Schallwelle schwingt, und beeinflusst, ob ein Ton eher tief oder hoch klingt.

Bei dieser Frequenz hören sie besonders gut

Sowohl Australische Seelöwen als auch Australische Langnasen-Seebären reagierten besonders empfindlich auf Töne mit einer Frequenz von etwa 3,2 Kilohertz. Damit liegt ein wichtiger Vergleichswert für ihr Hörvermögen an Land vor.
Das bedeutet allerdings nicht, dass die Tiere ausschließlich diesen Frequenzbereich hören können. Vielmehr waren sie bei den Tests für Töne in diesem Bereich besonders empfindlich.
Die Ergebnisse ermöglichen es Wissenschaftlern, die Hörfähigkeiten der Tiere mit Geräuschen zu vergleichen, die in Küstenregionen häufig vorkommen. Außerdem schaffen sie eine Grundlage für weitere Untersuchungen. Dabei soll geklärt werden, ob bestimmte Geräusche für die Tiere lediglich hörbar sind oder auch messbare Auswirkungen auf ihr Verhalten haben.
Geleitet wurde die Studie von Professorin Christine Erbe vom Centre for Marine Science and Technology der Curtin University. Ihre Forschung beschäftigt sich mit Schall in Meeresumgebungen und den möglichen Auswirkungen von Lärm auf Wildtiere.

Warum menschlicher Lärm zum Problem werden kann

Geräusche von Booten, Schiffen, Flugzeugen, Zügen und Baustellen können Meeressäuger auch dann erreichen, wenn sie sich an Land ausruhen. Beim Vergleich der Hördaten von Australischen Langnasen-Seebären mit typischen Schallquellen aus solchen Aktivitäten stellten die Forschenden fest, dass viele dieser Geräusche für die Tiere an Land hörbar sein dürften.
Ein wahrnehmbares Geräusch bedeutet jedoch nicht automatisch, dass es dem Tier schadet. Entscheidend sind unter anderem die Lautstärke, die Frequenz, die Dauer und die jeweiligen Umgebungsbedingungen.
Dennoch hilft das Wissen über den hörbaren Frequenzbereich dabei, mögliche Lärmquellen gezielter zu untersuchen und ihre Auswirkungen genauer einzuschätzen.
Seelöwen und Seebären sind auf ihr Gehör angewiesen, um miteinander zu kommunizieren und ihre Umgebung wahrzunehmen. Erkenntnisse über ihre Hörfähigkeiten können daher zu fundierteren Bewertungen von Lärm in Küstengebieten und in der Nähe ihrer Lebensräume beitragen.

Welche Bedeutung hat die Studie für den Artenschutz?

Die Ergebnisse könnten künftig bei Umweltverträglichkeitsprüfungen und bei Entscheidungen zur Lärmkontrolle rund um marine Lebensräume helfen. Angesichts des zunehmenden Küstenbaus, des Schiffsverkehrs und anderer Aktivitäten auf See werden verlässliche Daten über das Hörvermögen von Wildtieren immer wichtiger.
Die Untersuchung zeigt zudem, welchen Wert freiwillige Mitarbeit bei der Tierforschung hat. Trainingsmethoden mit positiver Verstärkung ermöglichen es, Sinnesfähigkeiten zu untersuchen, ohne die Tiere unnötigem Stress auszusetzen.
Allerdings sind weitere Studien erforderlich. Die bisherigen Tests untersuchten das Hörvermögen in der Luft. Sie erklären daher noch nicht vollständig, wie die beiden Arten unter Wasser hören oder wie unterschiedliche Geräusche ihr Verhalten über längere Zeit beeinflussen.
Die Erkenntnisse über das Gehör Australischer Seelöwen und Langnasen-Seebären liefern einen wichtigen Ausgangspunkt, um Lärm in ihrer Umgebung besser zu bewerten. Als Nächstes müssen Forschende herausfinden, ab wann hörbare Geräusche tatsächlich störend werden und wie sich ihre Auswirkungen an Land und unter Wasser unterscheiden.
Mit weiteren Untersuchungen könnten sich gezieltere Maßnahmen zur Begrenzung von Umweltlärm entwickeln lassen, die dazu beitragen, diese bemerkenswerten Meeressäuger langfristig zu schützen.

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