Tiere
Meister des Segelns
Fliegen mag wie eine der energieintensivsten Fortbewegungsarten für Tiere wirken.
Doch eine bahnbrechende internationale Studie legt nahe, dass sich bestimmte Vögel effizienter durch die Luft bewegen können als Tiere, die durch Wasser schwimmen.
Forscher des Max-Planck-Instituts für Verhaltensbiologie und der Swansea University fanden heraus, dass atmosphärische Bedingungen den Energiebedarf für den Flug dramatisch beeinflussen.
Die im Oktober 2026 in der Fachzeitschrift Science veröffentlichten Ergebnisse stellen traditionelle Annahmen über die Fortbewegung von Tieren infrage und zeigen, wie Vögel natürliche Kräfte nutzen, um Energie zu sparen.
Warum manche Vögel effizienter fliegen
Wissenschaftler haben Schwimmen traditionell als die energieeffizienteste Form der Fortbewegung bei Tieren betrachtet, gefolgt von Fliegen und Laufen. Diese Vergleiche basierten jedoch weitgehend auf Laborexperimenten, die den Einfluss natürlicher Luftströmungen nicht berücksichtigten.
Die neue Forschung zeigt, dass manche Vögel außergewöhnliche Strecken mit bemerkenswert wenig körperlicher Anstrengung zurücklegen können.
Das Geheimnis liegt im Segelflug, einer Flugtechnik, die es Vögeln ermöglicht, aufsteigende Luftströmungen zu nutzen, anstatt ständig mit den Flügeln zu schlagen. Durch die Ausnutzung dieser atmosphärischen Bedingungen können bestimmte Arten ihre Höhe halten und weite Strecken zurücklegen und dabei Energie sparen.
Kondore und Schwäne zeigen den Unterschied
Ein besonders eindrucksvoller Vergleich betraf Andenkondore und Trompeterschwäne. Beide Vögel wiegen etwa 11 Kilogramm, doch ihr Energiebedarf während des Fluges unterscheidet sich dramatisch. Forscher fanden heraus, dass ein Andenkondor einen Kilometer mit nur einem Fünftel der Energie zurücklegen kann, die ein Trompeterschwan benötigt. Die Erklärung liegt in ihren unterschiedlichen Flugtechniken.
Kondore verlassen sich stark auf aufsteigende Luftströmungen und verbringen nur etwa 0,1 % ihrer Flugzeit mit Flügelschlägen.
Trompeterschwäne hingegen schlagen während etwa 99 % ihrer Flugzeit mit den Flügeln. Trotz ähnlicher Körpermasse haben die beiden Arten daher sehr unterschiedliche energetische Kosten.

Was die Forschung herausgefunden hat
Das internationale Team analysierte 17 Jahre lang gesammelte Tracking-Daten von 850 Vögeln und Fledermäusen aus 38 Arten. Die Forscher kombinierten GPS-Messungen mit Beschleunigungsdaten, um energieintensive Flügelschläge von ökonomischerem Segelflug zu unterscheiden. Sie untersuchten auch vier Jahre Radar-Beobachtungen, die 12 Größenkategorien kleinerer Flugtiere abdeckten.
Dieser umfangreiche Datensatz ermöglichte es den Wissenschaftlern, die Effizienz der Fortbewegung verschiedener Arten unter realen Umweltbedingungen zu vergleichen.
Sieben Geierarten legten gemeinsam mehr als 4,3 Millionen Kilometer zurück und schlugen dabei nur während 0,1 % bis 7 % ihrer Flugzeit mit den Flügeln. Die Ergebnisse zeigten, dass schwerere Segelflieger generell weniger auf aktive Flügelschläge angewiesen waren, was es ihnen ermöglichte, sich mit geringeren Energiekosten fortzubewegen.
Warum effizientes Fliegen Grenzen hat
Obwohl Segelfliegen erhebliche Energieeinsparungen bietet, bringt es auch Herausforderungen mit sich. Große Vögel, die von günstigen Luftströmungen abhängen, können nicht immer selbst bestimmen, wann und wohin sie fliegen. Ihre Bewegungen werden von Windbedingungen und der Verfügbarkeit aufsteigender Luft beeinflusst.
Arten, die auf kontinuierliche Flügelschläge angewiesen sind, verbrauchen mehr Energie, können aber unter einer größeren Bandbreite atmosphärischer Bedingungen operieren.
Dies offenbart einen wichtigen Kompromiss zwischen Energiesparen und Flexibilität. Für Segelflieger hängt effizientes Reisen oft davon ab, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein.
Was der Klimawandel bedeuten könnte
Die Erkenntnisse könnten auch helfen zu verstehen, wie sich veränderte Wettermuster auf die Fortbewegung von Tieren auswirken. Veränderungen in Windsystemen und aufsteigenden Luftströmungen könnten die Routen, die Vögel nutzen, die Distanzen, die sie zurücklegen, und die für die Migration benötigte Energie beeinflussen.
Forscher vermuten, dass Veränderungen der atmosphärischen Bedingungen letztlich beeinflussen könnten, wo sich fliegende Tiere ansiedeln.

Die Studie verdeutlicht, wie stark Wildtiere von Umweltkräften abhängen, die vom Boden aus oft unsichtbar sind. Das Verständnis dieser Zusammenhänge könnte Wissenschaftlern helfen, künftige Veränderungen im Vogelzug vorherzusehen und wirksamere Schutzstrategien zu entwickeln.
Die Entdeckung bietet eine neue Perspektive auf das Fliegen: Für manche Tiere stellt die umgebende Atmosphäre eine wesentliche natürliche Energieressource dar.