Tiere

Puma statt Gepard

Jahrzehntelang galt der ausgestorbene Räuber Miracinonyx trumani wegen seines schlanken Körpers und seiner langen Beine als „amerikanischer Gepard“.
Neue genetische Untersuchungen zeigen jedoch, dass dieser Vergleich in die falsche Richtung führte.
Die Art war tatsächlich eng mit dem Puma verwandt und konnte sich an sehr unterschiedliche Lebensräume anpassen – bis in die arktische Region, wo sie vermutlich sogar Fische fraß.

Ein Puma im Geparden-Look

Ein Forschungsteam unter Leitung der University of California, Santa Cruz untersuchte Kern-DNA aus Fossilien von Miracinonyx trumani sowie stabile Isotope.
Die Ergebnisse, die in Current Biology veröffentlicht wurden, zeigen eindeutig, dass die Art nicht eng mit heutigen Geparden verwandt war.
Stattdessen war M. trumani eine Schwesterart des modernen Pumas. Beide Entwicklungslinien trennten sich vor etwa 2,6 Millionen Jahren.
Das auffällige Erscheinungsbild lässt sich daher als Beispiel für konvergente Evolution erklären. Dabei entwickeln nicht eng verwandte Tiere unabhängig voneinander ähnliche Merkmale, weil sie mit vergleichbaren Umweltbedingungen konfrontiert sind.
Der schlanke Körper und die langen Vorderbeine könnten dem Tier geholfen haben, sich effizient durch offene Landschaften zu bewegen. Anders als ein hoch spezialisierter Sprinter scheint M. trumani jedoch deutlich anpassungsfähiger gewesen zu sein.

Sein Lebensraum reichte bis in die Arktis

Die Studie erweitert auch das bisher bekannte Verbreitungsgebiet der Art erheblich. Fossilien zeigen, dass M. trumani mehr als 20 Breitengrade weiter nördlich vorkam als bislang angenommen – bis in das kanadische Yukon-Gebiet.
Damit erstreckte sich sein Lebensraum von Regionen wie Wyoming und Florida bis in die arktische Zone.
Ausgewachsene Tiere wogen schätzungsweise etwa 150 Pfund, waren rund 3 Fuß groß und erreichten eine Länge von ungefähr 8 Fuß von der Schnauze bis zur Schwanzspitze.
Die Forschenden fanden außerdem Mutationen in Genen, die an der Regulierung des zirkadianen Rhythmus beteiligt sind. Diese Veränderungen könnten mit der Anpassung an die extremen Lichtverhältnisse in hohen nördlichen Breitengraden zusammenhängen.

Im Norden standen offenbar Fische auf dem Speiseplan

Besonders überraschend sind die Hinweise auf die Ernährung der nördlichen Populationen. Analysen stabiler Isotope deuten darauf hin, dass die Tiere im Yukon eine deutlich andere ökologische Nische besetzten als ihre Artgenossen weiter südlich.
Die Yukon-Population könnte sich stark von anadromen Fischen wie Lachsen ernährt haben. Solche Fische wandern zwischen Meer und Süßwasser und bildeten offenbar eine wichtige Nahrungsquelle für die arktischen Tiere.
Weiter südlich, etwa in Wyoming, lebten die Tiere dagegen offenbar als allgemeine Landräuber und ernährten sich von terrestrischer Beute.
Die unterschiedlichen Ernährungsweisen zeigen, wie flexibel M. trumani offenbar war. Eine Art konnte somit in weit voneinander entfernten Regionen leben und ihre Ernährung an das jeweils verfügbare Nahrungsangebot anpassen.

Auch die Gene geben Rätsel auf

Für die Untersuchung sequenzierten die Forschenden hochauflösende Genome aus Fossilien, die etwa 23.000 bis 31.000 Jahre alt sind. Dabei stießen sie auf eine weitere ungewöhnliche genetische Eigenschaft.
M. trumani gehörte zusammen mit den anderen untersuchten Katzenarten zu den Feliden, denen eine funktionsfähige Version eines bestimmten Gens zur Wahrnehmung saurer Geschmacksrichtungen fehlte. Bei Katzen ist bereits bekannt, dass ihnen funktionierende Rezeptoren für süßen Geschmack fehlen. Der Verlust eines Gens für die Wahrnehmung von sauren Geschmacksreizen wurde bei Feliden jedoch erstmals in dieser Studie beschrieben.
Solche Veränderungen der Sinneswahrnehmung können mit einer spezialisierten Ernährung zusammenhängen. Die Forschenden konnten allerdings keine eindeutige Erklärung für den Verlust dieses Gens feststellen.

Ein langsamer Rückgang statt eines plötzlichen Kollapses

Auch die genetische Geschichte der Art liefert wichtige Hinweise auf ihr späteres Verschwinden. Sowohl die Populationen aus Wyoming als auch jene aus dem Yukon zeigten eine geringe genetische Vielfalt.
Gleichzeitig fanden die Forschenden keine Hinweise auf extreme Inzucht oder einen plötzlichen genetischen Zusammenbruch. Stattdessen deutet die Analyse auf einen langsamen Rückgang über einen langen Zeitraum des Pleistozäns hin.
Eine geringe genetische Vielfalt allein dürfte demnach nicht der unmittelbare Grund für das Aussterben gewesen sein. Nach Einschätzung der Forschenden könnte der langfristige Rückgang jedoch die Fähigkeit der Art eingeschränkt haben, sich an veränderte Umweltbedingungen anzupassen.
Die neue Studie zeigt damit, wie irreführend das äußere Erscheinungsbild ausgestorbener Tiere sein kann. Miracinonyx trumani sah zwar einem Geparden erstaunlich ähnlich, doch seine Gene, seine Ernährung und seine Lebensweise zeichnen das Bild eines deutlich vielseitigeren Raubtiers, dessen eigene evolutionäre Geschichte weit komplexer war.

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