Tiere
Krokodile bleiben
Salzwasserkrokodile sind dafür bekannt, auch nach langen Reisen in vertraute Gebiete zurückzufinden.
Eine neue Studie aus Bangladesch zeigt jedoch, dass in Gefangenschaft aufgewachsene Tiere ein deutlich anderes Verhalten zeigen können.
Forschende stellten fest, dass ausgewachsene, in Gefangenschaft aufgezogene Krokodile nach ihrer Auswilderung in den Sundarbans nicht zu den Zuchtstationen zurückkehrten, in denen sie jahrelang gelebt hatten. Stattdessen passten sie sich an ihren neuen Lebensraum an.
Die im Fachjournal Wildlife Research veröffentlichten Ergebnisse könnten Naturschutzprojekten dabei helfen, effektivere Methoden zur Wiederherstellung stark geschrumpfter Krokodilbestände zu entwickeln.
Krokodile besitzen einen starken Orientierungssinn
Heimfindeverhalten ist im Tierreich weit verbreitet. Es hilft Tieren dabei, zu Nestern, Nahrungsgebieten oder vertrauten Revieren zurückzukehren. Krokodile und andere Krokodilverwandte gelten dabei als besonders gute Navigatoren. Immer wieder wurde beobachtet, dass sie nach einer Umsiedlung in Richtung ihres ursprünglichen Lebensraums zurückwandern.

Ru Somaweera, Verhaltensökologe und Adjunct Associate Professor an der Murdoch University, erklärte, dass dieser ausgeprägte Orientierungssinn Umsiedlungsprogramme vor große Herausforderungen stellen kann. Während wild lebende Krokodile häufig versuchen, in ihre ursprünglichen Reviere zurückzukehren, war bisher deutlich weniger darüber bekannt, wie sich in Gefangenschaft aufgezogene Tiere nach ihrer Freilassung verhalten.
Für die Untersuchung konzentrierten sich die Forschenden auf Salzwasserkrokodile im Mangrovengebiet der Sundarbans in Bangladesch.
Ein Bestand mit großen Problemen
Der Bestand der Salzwasserkrokodile in Bangladesch wurde durch die kommerzielle Jagd stark dezimiert. 1973 trat schließlich ein gesetzlicher Schutz in Kraft. Trotzdem hat sich die Population seitdem kaum messbar erholt.
Die meisten bekannten verbliebenen Tiere des Landes leben in den Sundarbans. Eine aktuelle Erhebung schätzte den Bestand auf nur etwa 140 ausgewachsene Krokodile.
Traditionelle Wiederansiedlungsprogramme setzen häufig auf Jungtiere. Diese haben jedoch eine sehr geringe Überlebensrate und benötigen viele Jahre, bevor sie geschlechtsreif werden und sich fortpflanzen können.
Laut Somaweera könnte die Freilassung älterer, in Gefangenschaft aufgezogener Tiere eine Alternative darstellen. Voraussetzung wäre allerdings, dass sie sich an einen unbekannten Lebensraum anpassen können, anstatt zu ihrem früheren Aufenthaltsort zurückzukehren.
Fünf Krokodile wurden überwacht
Für die Untersuchung statteten die Forschenden fünf ausgewachsene Salzwasserkrokodile mit Satellitensendern aus. Ihre Bewegungen wurden über mehrere Monate verfolgt.
Zur Gruppe gehörten drei Weibchen, die zwischen acht und 22 Jahre in Gefangenschaft gelebt hatten. Außerdem wurde ein wildes Krokodil untersucht, das am Ort seines ursprünglichen Fangs wieder freigelassen worden war. Ein weiteres wild lebendes Tier wurde rund 132 Kilometer von seinem ursprünglichen Revier entfernt umgesiedelt.
Der Unterschied zwischen den Tieren war deutlich.
Keines der drei in Gefangenschaft aufgezogenen Weibchen versuchte, zur Zuchtstation zurückzukehren.Stattdessen bildeten sie relativ kleine Reviere und bewegten sich in Mustern, die denen der örtlichen wild lebenden Krokodile ähnelten.
Nach Einschätzung von Somaweera deutet dieses Verhalten darauf hin, dass sich die in Gefangenschaft aufgezogenen Tiere überraschend gut an ihre neue Umgebung anpassen konnten.
Ein wildes Krokodil wollte zurück
Das umgesiedelte Wildkrokodil mit dem Namen Jongra zeigte dagegen ein völlig anderes Verhalten. Zwar erreichte Jongra während des Beobachtungszeitraums seinen ursprünglichen Fangort nicht, doch seine Bewegungen waren durchgehend auf dieses Gebiet ausgerichtet.
Jongra legte pro Tag deutlich größere Strecken zurück als die anderen Krokodile und bewegte sich in einem wesentlich größeren Gebiet.
An manchen Tagen legte das Tier mehr als 30 Kilometer zurück. Die Forschenden werteten dieses Bewegungsmuster als typisches Anzeichen für ein ausgeprägtes Heimfindeverhalten.
Eine neue Möglichkeit für den Naturschutz
Die Ergebnisse legen nahe, dass die Auswilderung von in Gefangenschaft aufgezogenen, bereits größeren Krokodilen eine Möglichkeit sein könnte, geschwächte Wildpopulationen zu stärken.
Gleichzeitig betonen die Forschenden, dass die Umsiedlung wild lebender Krokodile weiterhin sorgfältig geplant werden muss. Ihr ausgeprägter Instinkt, in vertraute Gebiete zurückzukehren, kann auch nach einem Transport über große Entfernungen bestehen bleiben.

Die Studie beweist nicht, dass sich alle in Gefangenschaft aufgezogenen Krokodile erfolgreich an einen neuen Lebensraum anpassen. Dafür war die Zahl der untersuchten Tiere mit nur fünf Exemplaren zu gering.
Dennoch liefern die Ergebnisse Hinweise darauf, dass ausgewachsene Tiere aus Gefangenschaft für den Artenschutz möglicherweise wertvoller sein könnten als bisher angenommen. In Regionen mit besonders kleinen Krokodilbeständen könnte die Freilassung größerer Tiere, die bereits näher am Fortpflanzungsalter sind, eine praktische Ergänzung zu Programmen darstellen, die ausschließlich auf die oft gefährdeten Jungtiere setzen.